Rede von Jan Siekmann zum Jahrestag der Befreiung
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Anwesende,
Am 8. Mai 1945 endete die nationalsozialistische Schreckensherrschaft über Europa. Millionen von Menschen sind von dieser Ideologie verfolgt und ermordet worden: Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende und Millionen von Menschen aus Ost- und Mitteleuropa. Der Faschismus machte vor niemandem Halt, der nicht in sein Weltbild passte. Man kann deshalb nur von einem Tag der Befreiung reden. Befreiung von einem Regime, das gezielt Hass gesät, Würde zerstört und Leben ausgelöscht hat.
Wir erinnern heute aber nicht nur an die Opfer des Nationalsozialismus, sondern auch an die Menschen, die dafür gekämpft haben, dass wir heute frei sind. Die Soldatinnen und Soldaten der britischen, amerikanischen und sowjetischen Armee, welche Deutschland 1945 befreiten. Die Widerstandskämpfer und Kämpferinnen, welche ihr eigenesLeben riskiert haben, um das Leben anderer zu schützen.Ohne ihren Einsatz und ihre Entschlossenheit im Kampf gegen den Nationalsozialismus wäre das Deutschland von heute undenkbar.
Der 8. Mai ist aber nicht nur das Ende eines beispiellosen Zivilisationsbruchs, sondern auch ein Neuanfang. Menschenrechte, Demokratie, Frieden und Freiheit wurdenerst möglich durch die bitteren Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg. Viele Menschen kamen erst durch ihn zur Erkenntnis, dass diese Prinzipien nicht nur Phrasen sind, sondern eine Verpflichtung sein müssen, damit jedes einzelne Verbrechen dieser Zeit nicht wiederholt werden kann. Der 8.Mai ist somit nicht bloß ein Gedenktag. Er ist ein Auftrag,wachsam zu bleiben.
80 Jahre später muss man feststellen, dass die Wachsamkeit bei den Menschen abnimmt. Die Entmenschlichung von Flüchtlingen, Migranten, Muslimen, Queeren und anderen Minderheiten ist längst kein Randphänomen mehr und rechtsextreme Positionen werden immer salonfähiger. Sie begegnen einem mittlerweile überall im Leben: auf Wahlplakaten, auf der Straße, in Talkshows und in Social Media.
Dabei muss man auch feststellen, dass diese Positionen nicht mehr nur vom rechten Rand kommen, sondern die Mitte unserer Gesellschaft erreicht haben. Hetze wird heute auch immer öfter von Parteien betrieben, welche sich selbst als Teil der demokratischen Mitte bezeichnen würden, und manche dieser Parteien stimmen mittlerweile auch offen in Landes- und Bundesparlamenten mit Rechtsextremisten ab. Genau dieses Verhalten hat in den letzten Jahren den Boden dafürbereitet, dass zum ersten Mal seit 1945 dieses Jahr jeder Fünfte mit der AfD eine rechtsextreme Partei gewählt hat und die ersten Umfragen nach der Wahl zeigen, dass die AfD droht, die stärkste politische Partei zu werden. Wer rechtsextreme Positionen mehrheitsfähig macht, ist kein Bündnispartner gegen den Rechtsruck, sondern ist Teil des Rechtsrucks.
Es zeigt sich aber auch, dass vor allem die Menschenrechteund der Frieden mittlerweile nicht nur unmittelbar in Gefahr sind durch Rechtsextremisten. Man brauchte keine AfD-Stimmen, um das Asylrecht Schritt für Schritt auszuhöhlen. Man brauchte keine AfD-Stimmen, um Waffenexporte an Staaten zu genehmigen, welche offen Völkerrecht brechen. Und man brauchte keine AfD-Stimmen, um unbegrenzte Aufrüstung zu beschließen. Die Aushöhlung der Demokratie und ethischer Prinzipien beginnt nicht plötzlich mit einem radikalen Umsturz, sondern sie beginnt mit alltäglichen Entscheidungen, durch Wegschauen und durch Verrat der eigenen Prinzipien im Namen der „Realpolitik“. Wer rechte und menschenfeindliche Politik umsetzt, ist somit ebenso kein Bündnispartner gegen den Rechtsruck, sondern ist selbst Teil des Rechtsrucks.
Wenn wir heute an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern und an die Menschen, die uns befreit haben, dann tun wir das nicht nur, um ihnen Respekt zu erweisen. Wir tun es, um aus der Geschichte zu lernen. Menschenrechte, Demokratie und Frieden sind nicht selbstverständlich, sondern müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt werden. Gerade jetzt sind wir alle dazu aufgerufen, uns dafür einzusetzen, denn die Gefahr war seit langem nicht mehr so groß. Denn jeder hat die Verantwortung zu verhindern, dass Geschichte sich wiederholt.
Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

