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9. Dezember 2015 Inge Hoeger

Quo Vadis Israel? – Quo Vadis Palästina? Was tun angesichts zunehmender israelischer Gewalt?

Inge Höger, Saeed Amireh, Gerd Büntzly

Inge Höger, Saeed Amireh, Gerd Büntzly

Vortragsreise von Saeed Amireh durch Europa

 

Wir haben den Aktivisten und Vertreter des gewaltfreien Widerstands aus Ni’lin, Saeed Amireh nach Herford eingeladen, um uns vom gewaltfreien Widerstand in Palästina zu berichten. Saeed ist mit seinen 24 Jahren bereits eine wichtige Figur in der palästinensischen Bürger* innen- Bewegung im Westjordanland. Saeed Amireh berichtete drei Monate lang in vielen europäischen Städten, darunter auch Herford, auf eine sehr persönliche und eindrucksvolle Weise über das Leben in seinem Dorf Ni’lin sowie über den gewaltfreien Widerstand und die brutale Antwort der israelischen Armee.

Zunächst berichtet uns Saeed Amireh über derzeitige Situation seines Heimatdorfes Ni’lin. Es liegt in den C- Gebieten, den 62% des Westjordanlands die unter voller israelischer Militärkontrolle stehen und stark von den umliegenden Kolonien sowie der Mauer beeinträchtigt werden. Dieses ist von fünf israelischen Siedlungen eingekreist, die Palästinenser sprechen dabei von Kolonien. Da eine eigens zur Versorgung der Siedlungen gebaute Landstraße ausschließlich von Israelis genutzt werden darf, besteht ein ständiger Mangel an allen Dingen des täglichen Bedarfs. Auch das umliegende Land steht nicht mehr den palästinensischen Familien zur Verfügung, sondern wurde den israelischen Siedlern zugewiesen. All dies ist nach internationalem Gesetz illegal. Eine der Folgen dieser Siedlungspolitik ist das Abwandern der palästinensischen Bevölkerung, was offensichtlich auch beabsichtigt war und ist. Der Druck auf die Bevölkerung wird stätig größer, so soll in Zukunft das Dorf Ni’lin ganz isoliert werden; die Bewohner werden das Dorf nur durch ein Tor verlassen können, das um 6 Uhr morgens geöffnet und um 18 Uhr abends geschlossen wird. Nächtliche Razzien, Schüsse, Verhaftungen und Tote beim gelebten gewaltfreien Widerstand gehören zum Alltag. „Uns geht es um einen gerechten Frieden, Freiheit und um unsere Würde“, so Saeed Amireh.

Der gewaltfreie Widerstand ist keineswegs ein Zeichen der Schwäche, ganz im Gegenteil, diese Form des Widerstandes ist sehr viel mächtiger und effektiver als andere Arten. Eine vorher nicht dagewesene weltweite Unterstützung ist die Folge. Die israelischen Besatzer haben Schwierigkeiten mit der neuen Situation umzugehen und ihre Armee war und ist mit friedlichen Demonstrationen überfordert. Für Saeed Amireh zeigen die Beispiele aus Indien (Gandhi) und Südafrika (Apartheid- System) wie erfolgreich gewaltfreier Widerstand sein kann. 2004 begannen die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner mit dem gewaltfreien Widerstand gegen den Mauerbau. „Nach den damaligen Planungen sollte die israelische Mauer so gebaut werden, dass sie unser Dorf weitgehend aufgelöst hätte“ so Saeed Amireh. „Zwischen 2004 und 2008 sind wir aus unserem Dorf ausgezogen, errichteten Zelte auf dem Baugelände und haben es somit besetzt. Auf diese Weise hinderten wir Israel daran, die Mauer nach Plan zu errichten, und haben dadurch 150 ha Land gerettet, das von Israel beschlagnahmt werden sollte.“ 2008 entwickelten sie ihre Strategie weiter und gründeten ein Volkskomitee, in dem alle politischen Parteien, die Bauern und die Familien vertreten waren. Sie organisierten sich international und mit israelischen Aktivisten sowie Medien. Sie haben ausschließlich friedlich protestiert. Um dies zu verdeutlichen, hoben sie ihre Hände und riefen: „Wir wollen Frieden und diese Mauer wird den Frieden nicht befördern.“

Die israelische Reaktion war unverhältnismäßig hart und grausam. Bei den Auseinandersetzungen wurde sogar ein 10 jähriges Mädchen getötet. Im Anschluss an eine viertägige Ausgangssperre folgte die Erschießung eines 17 jährigen Jungen, sein Name war Youssef Amireh…

Nächtliche Überfälle bei denen ohne besonderen Grund 350 Dorfbewohner verschleppt worden folgten. Saeed Amireh wurde selbst als Aktivist während gewaltfreier Demonstrationen bereits mehrfach angeschossen, wurde verhaftet und für vier Monate in ein Gefängnis in Israel gesperrt. „Ich war gerade 17 Jahre alt und war in meinem Abschlussjahr in der Schule. Meine Zukunft hing von diesem Schuljahr ab. Mit der Inhaftierung wollten sie meine Zukunft zerstören und damit auch meinen Vater bestrafen.“ Leider eskaliert die Gewalt immer weiter. Verletzte, Traumatisierte und Tote auf Seiten der friedlichen Palästinensern nehmen zu. Auf die Frage an Saeed Amireh, ob er keine Angst um sich habe, antwortete er: „Wenn ich nicht bereit wäre für den Frieden zu sterben, wäre ich heute nicht hier“. Trotz des dennoch erfolgreichen Widerstands gelangen wenige Informationen bis zu uns. Dies könnte auch mit der mangelnden Unterstützung durch die Palästinensischen Autonomiebehörden zusammenhängen, da diese den gewaltfreien Widerstand, aufgrund des starken israelischen Drucks, nicht unterstützt.

Gegen Ende der Veranstaltung kam die Frage auf, was wir hier tun können um den friedlichen Widerstand zu unterstützen.

1. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Unterstützung. Die wichtigste ist, die deutsche Regierung zu drängen, damit sie Druck auf die israelische Regierung ausübt die Besatzung zu beenden. Saeed Amireh rief dazu auf, die Besatzung nicht weiter zu unterstützen. Schließlich werden von deutschen Steuergeldern Waffen zu Verfügung gestellt, die dazu verwendet werden, auf Palästinenser zu schießen. Der Druck vom Ausland sei die einzige Lösung. In den 25 Jahren der Verhandlungen sei nichts passiert. Das Leiden der Palästinenserinnen und Palästinenser sei im Gegenteil immer größer geworden.

2. „Wir müssen die Menschen wachrütteln. Sie dürfen die Augen nicht vor den Geschehnissen in Palästina verschließen.“ Saeed Amireh rief dazu auf a. sich selbst und andere zu informieren, z. B. über Websites und Mailinglisten b. mehr über Palästina zu berichten und nach Möglichkeit dorthin zu reisen, um authentisch erzählen zu können. Besonders empfehlenswert sei gerade auch der Besuch von Dörfern, die vom Mauerbau besonders hart betroffen sind. Anregungen für Reisen sind auf der Website der Gruppe für Demokratie im arabischen und Mittelmeerraum (DeAM) zu finden: www.deam.msx.de 

3. Wichtig ist es, dass internationale Aktivisten nach Palästina fahren. „Denn wann immer internationale Aktivisten zwischen uns und den Soldaten sind, haben die Soldaten Angst unsere Leute umzubringen.“

4. Die Bauern sollten unterstützt werden, da sie durch die israelische Politik in ihrer Existenz bedroht sind.

5. Auch die palästinensische Wirtschaft allgemein sollte unterstützt werden. „Wir werden den Kampf für eine Existenzgrundlage fortsetzen. Wir haben eine schwere Existenz während die Besatzer unsere ökonomische Situation mit allen Mitteln kontrollieren: Die Industrie, die Nahrung, die Löhne – einfach alles. In unserem Leben fühlt sich die Besatzung wie ein Krebsgeschwür im Körper an. Wir benötigen die Unterstützung für all unsere Leute.“

6. Ni’lin: Palästina wiederbepflanzen! Saeed Amireh berichtet über ihre Aktion für neue Olivenbäume in Ni’lin: „In Palästina sagen wir: ‚Wenn die israelische Besetzung einen Olivenbaum entwurzelt, dann pflanzen wir zehn Bäume ein, um zu zeigen, dass wir an unserem Land unbeirrt festhalten und nicht aufgeben‘. Spenden für neue Olivenbäume unterstützen den gewaltfreien Widerstand politisch und menschenrechtlich, und auch die Bauern, die sehr viel durchstehen müssen.“ 70% der zerstörten Olivenbäume kann das Dorf Ni’lin bereits durch die bis November 2011 erhaltenen Spenden ersetzen. Bitte helft mit, dass die Aktion „Replant Palestine“ bis Jahresende alle 1.100 durch den illegalen Mauerbau in Ni’lin verlorene Olivenbäume ersetzen kann. http://replantpalestine.org/en

Wir alle waren sehr beeindruckt und schockiert in Anbetracht des Vortrags und des Film- und Fotomaterials, das massive Gewalt der israelischen Armee gegen friedliche Demonstranten und gegen Frauen und Kinder im Dorf sowie das höhnische Grinsen eines Soldaten zeigte. Überlegt wurde wie wir diese Informationen und diese starken Eindrücke weiter geben können. Insbesondere wurde die Bedeutung für Schulen diskutiert. Ein Interview mit Saeed Amireh sowie weitere Informationen stehen auf YouTube, auf der Website der Gruppe für Demokratie im arabischen und Mittelmeerraum (DeAM) sowie auf der Website des Versöhnungsbunds zur Verfügung: www.deam.msx.de